5.Brief des Kommandanten an den Oberbürgermeister der Stadt Hameln

Abschrift  des Originals

 

Panzer-Grenadier-Regiment 74                         Rgt.Gef.St., den 29.8.1942

 

  Gefechtsbericht über den Durchbruch des verstärkten Panzer-Grenadier-Regiment 74 durch den Wald nordöstlich Gretnja am 20.8.1942.

  Am 19.8.42 erhielt das aus dem Raum Kolmkschtschi in den Raum ostwestlich Gretnja vorgezogene, der 17.Panzer-Division zeitweilig unterstellte verst.Pz.Gren.Rgt.74 den Befehl, am 20.8.42 früh mit unterstellten Teilen  zu dem südlich Aleschinka vorgedrungenen, nun abgeschnittenen Pz.Gr.Rgt.63 (Gruppe Oberstlt. Seitz) durchzustoßen und späterhin neben der Gruppe Seitz das Dorf Aleschinka zu nehmen.

  Dem Pz.Gr.Rgt.74 waren dazu unterstellt: Verst.I./Pz.Rgt.27, 1./Pz.Jäg.Abt.19, 1./Pz.Pi.19, Sturm-Gesch.Bttr.600. Von allen diesen Truppen kamen infolge von Wege- und Geländeschwierigkeiten nur Teile der I./Pz.Rgt.27 während des 20.8.42 mit dem Pz.Gr.Rgt.74 zum Einsatz.

  Bekannt war beim Regiment, dass sich südlich der Gruppe Seitz in einer Waldlichtung noch andere deutsche Truppen (darunter III./Pz.Rgt.15, Oberst Hochbaum) befanden, denen das Folgen hinter der Gruppe Seitz am Vortage infolge Feindwiderstand nicht mehr gelungen waren. Diese Teile hatten sich während der Nacht vom 19./20.8.42 eingeigelt.

  Das Regiment 74 trat am 20.8.42 gegen 3.30 Uhr in tiefer Gliederung, dass II.Btl. dem I.Btl. folgend, in die Waldzone ein. Der Vormarsch ging zunächst ohne Feindwiderstand vor sich. Aber noch vor Erreichen der Gruppe Hochbaum wurde vornehmlich das I.Btl. in Waldkämpfe verwickelt. Stärkere Feindteile saßen bereits südlich der Gruppe Hochbaum. Sie wurden in zähem Kampf beiderseits des Weges zurückgedrängt und mussten mit Rücksicht auf den eigenen Auftrag dem nachfolgenden J.R.446 überlassen werden. Diese hatte ohnehin den Befehl, nach Westen gegen den Ort Kolodesy einzudrehen.

Bereits bei diesen Waldkämpfen zeigte sich der zähe Widerstandswille des Gegners, Gefangene wurden nicht gemacht.

  Um 4.45 Uhr konnte die Verbindung mit der Gruppe Hochbaum hergestellt werden. Zu gleichem Zeitpunkt wurde  das II./Pz.Gr.Rgt.74 links umfassend eingesetzt. Die schwierige Bewegung im unübersichtlichen dichten Urwald gelang unter der Führung des Kommandeurs II./Pz.Gr.Rgt.74 (Major Hansen) in so weit, als der Raum nordwestlich der „Hochbaum-Lichtung“ in erbitterten Kämpfen vom Feind gesäubert wurde. Zu einem Eindrehen auf den Vormarschweg mit dem Ziel, den Weg zur Gruppe Seitz in Verbindung mit dem beiderseits und rechts des Weges frontal angreifenden I./Pz.Gr.Rgt.74 freizukämpfen reichte jedoch die Kraft des Btl. Trotzt Einsatz der Rgt.-Reserve nicht aus. Auch das frontale Vordringen gegen starken Feind vor I./74 erwies sich im dichten Wald zunächst als wenig erfolgreich. Zwei eigene Panzer wurden durch eine nicht erkannte Pak-Flak abgeschossen. Diese Abschüsse führten zu einer begreiflichen Zurückhaltung der Panzer-Abt., die in  ihrem Vorgehen an den Weg gebunden war. Unter außerordentlich unangenehmen Inf.-,Gr.Werfer-,Pak- und Artl.-Feuer des Feindes mehrten sich die Verluste zusehendst.

  Eine erhebliche Verstärkung der eigenen Kräfte trat dann ein, als um etwa 9.30 Uhr der Kommandeur der 9.Panzer-Division (General Scheller) dem Pz.Gr.Rgt.74 das K.17, K.59, II./Pz.Gr.Rgt.11 und Reste III./J.R.446 unterstellte. Diese gesamte Kampfgruppe Bruns wurde der 9.Pz.Div. nunmehr unterstellt.

Von diesen Truppen erhielt das bei der Gruppe Seitz befindliche II./Pz.Gr.Rgt.11 durch Funk den Befehl, der Kampfgruppe Oberstleutnant Bruns mit Panzer-Verstärkung von Norden entgegen zu kommen. Dieser Auftrag konnte infolge starken Feindwiderstandes nicht erfüllt werden, dass II./Pz.Gr.Rgt.11 trat gar nicht in Erscheinung.

Die Reste III./J.R.446 – das Btl. war im Vordringen durch den Wald in Richtung Kolodesy stark zersprengt worden – erhielten unter Leutnant Gölde den Befehl, die Westflanke der Gruppe Bruns abzudecken, da sich der Feind aus Richtung Kolodesy offensichtlich bereits verstärkte.

  K.17 und K.59 (Hauptmann Tescher, Oberstleutnant Gorn) aber wurden entsprechend den Aufklärungsergebnissen nunmehr rechts an I./Pz.Gr.Rgt.74 anschließend angesetzt. Sie hatten den offenen Feindflügel zu umgehen und im Einschwenken den lebenswichtigen Nachschubweg zu Gruppe Seitz zusammen mit dem frontal kämpfenden I./Pz.Gr.Rgt.74 und der weiteren Umfassungsbewegung des am weitesten links befindlichen II./Pz.Gr.Rgt.74 freizumachen.

  Noch im Laufe des Vormittags hatte ein Funkspruch der 17.Pz.Div. mit dem Text: “Durchbruch zu Seitz lebenswichtig und entscheidend!“ auf die Wichtigkeit der Aufgabe hingewiesen, die erst mit dem Freimachen des einzigen Weges wirklich voll gelöst war. Hier aber saß der Russe ohne Rücksicht auf Überflügelung am zähesten.

Der mit verstärkten Kräften angesetzte Angriff gewann ab 12.00 Uhr merklich an Boden. Zeitweilige Gegenangriffe am linken Flügel scheiterten am Angriffswillen des II./74, dem noch Teile von III./J.R.446 zugeschoben wurden. Der Widerstand des Feindes schien zu erlahmen.

  Aber noch in drei weiteren Zonen trat bis zum Erreichen des Waldaustritts starker Feindwiderstand vor besonders Pz.Gr.Rgt.74 und K.17 in Erscheinung. Jeder Meter Bodens musste dem harten Gegner abgerungen werden, der immer vermehrt durch heftige  Feuerüberfälle mit mittlerer und schwerer Artillerie und andauerndem Gr.Werfer-Feuer den endgültigen Durchbruch zu verhindern suchte.

  Kurz nach 15.00 Uhr konnte endlich der erfolgreiche Durchbruch gemeldet werden, gegen 16.00 Uhr wurde der abgeschnittenen Gruppe Seitz die Hand gereicht.

Bis zum Abend wurde der Waldteil westlich des Weges, in dem der Gegner aus dem um die Mittagszeit genommen, aber dann wieder verlorenen Koledesy fortgesetzt Verstärkung erhielt, soweit als noch möglich freigekämpft, dann zur Verteidigung übergegangen.

  Die Waldzone war während des Kampftages von einem verst. Regiment der 326.Schützen-Division (Schtz.Rgt.1097, 1099, 1101) besetzt gewesen. Das Feindregiment war nach Aussagen des gefangenen Kommandeurs völlig vernichtet. Gefangene wurden nur vereinzelt gemacht. Das Kampffeld zeigte in seiner wilden Zerstörung die unerhörte Härte des mehr als 10-stündigen ununterbrochenen Kampfes.

  Die Verluste des Pz.Gr.Rgt.74 betrugen 159 Mann, darunter der Rgt.-Arzt gefallen, Kommandeur II.Btl. schwer und 6 weitere Offiziere mittelmäßig verwundet. 6 Mann waren vermisst. Auch vor allem K.17 hatte erhebliche Opfer gebracht. Insgesamt betrugen die Verluste des Regiments vom 20. – 23.8.42 bei den nachfolgenden erbitterten Angriffs- und Abwehrkämpfen gegen weit überlegenen Feind 330 Mann.

Wie beim Durchbruch von Ejazi am 11.8.42 hatte sich das Pz.Gr.Rgt.74, beim Durchbruch durch den Wald Nordostwerts Gretnja trotz hoher blutiger Verluste gegen einen verbissen kämpfenden Feind in schwierigem Waldgelände mit großer Tapferkeit geschlagen.

 

                                                                             Bruns

                                                     Oberstleutnant und Regiments-Kommandeur.

 

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