Die Befreiung 1945

Die zerstörte Weserbrücke, 1945
Rathaus und Marktkirche, 1945
Zerstörte Werdermühle und Brücke

Einmarsch der Amerikaner

Ende März 1945 überschritten britische und amerikanische Truppen in breiter Front den Rhein. Nach Einkesselung der 300.000 Mann starken Heeresgruppe B im Ruhrgebiet stießen die Alliierten rasch weiter nach Osten vor. Die 9. US- Armee überrannte Westfalen und näherte sich in den ersten Apriltagen der Oberweser.

In Hameln verfolgte man das Herannahen der Front über die Meldungen im Rundfunk. Die verängstigten Bürger schwankten zwischen Selbstbetrug und Panik. Hatten einige von ihnen bis kurz vor Ostern noch gehofft, die Amerikaner würden an der Stadt vorbeimarschieren, so kam am Karfreitag (30.3.) das Gerücht auf, die gegnerischen Truppen seien im Anmarsch auf die Stadt und ständen schon bei Aerzen (was erst vier Tage später der Fall war) .

Das Kriegsjahr 1945 hatte für die Zivilbevölkerung schwere Entbehrungen mit sich gebracht; Lebensmittelknappheit und Kürzung der Marken-Rationen, Ausfall der Brennstoffversorgung, Gas- und Stromsparmaßnahmen waren nur die einschneidendsten davon. Am schlimmsten aber wirkte der fast pausenlose Luftalarm, der die Menschen bei Tag und Nacht für Stunden in die meist Überfüllten Luftschutzkeller trieb. Nachdem die Alliierten ab Mitte März begonnen hatten, die Stadt, insbesondere den Bahnhof, gezielt zu bombardieren, um die rückwärtigen Verbindungen der deutschen Truppen zu unterbrechen, befand man sich in ständiger Lebensgefahr. Die Menschen fühlten sich in den unzulänglichen Luftschutzkellern der Häuser den Bomben wehrlos ausgeliefert.

Über die deutsche Kampfkraft konnte sich niemand mehr Illusionen machen, vorausgesetzt, er war ehrlich sich selbst gegenüber. Schon in der Woche vor Ostern drängten ungeordnete Truppenteile der in Auflösung befindlichen Wehrmacht über die Weserbrücke und hasteten in östlicher Richtung weiter. Oft nur kleine Gruppen oder einzelne Soldaten, verschmutzt, abgerissen und häufig ohne Waffen, die Zeichen der Niederlage waren nicht zu übersehen.

Während der Ostertage wurden mehrere Tausend Russen (aus dem Sennelager kommend) von Bewachungsmannschaften Richtung Osten durch die Stadt getrieben. Mit weißen Fahnen, Bettlaken und Tischtüchern versuchten sie, sich gegen alliierte Luftangriffe zu schützen.

Ein Augenzeuge beobachtete diesen Elendszug in Groß Berkel: "Am 2. Ostertag wurden hier kriegsgefangene Russen durchgetrieben. Ihre verwundeten und kranken Kameraden haben sie auf kleinen Wägelchen, Sackkarren, Kinderkarren und Handwagen mitgeschleppt. Weil sie großen Hunger hatten, schwärmten sie aus und suchten Essbares, Rübenmieten und den ersten grünen Raps. Karnickeln wurde der Kopf abgerissen und das Fleisch dann roh gegessen. Hier in der Nähe war eine Rübenmiete mit Runkelrüben. Da sind drei aus dem Zug erschossen worden, weil sie versucht. hatten, Rüben wegzuholen. Die Wachmannschaften erschossen alle, die nicht mitkamen. Auf der Strecke von Groß- nach Klein Berkel hat es mindestens 5 bis 6 Tote gegeben. Als Bewachung waren nur ganz wenige Stammmannschaften dabei: der jeweilige Volkssturm musste den Zug immer ein Stück begleiten - z. B. musste der Volkssturm Groß Berkel den Zug unterhalb Aerzen übernehmen und bis nach Wangelist bringen. "

Die letzten Tage vor der Einnahme Hamelns bis hin zum Einmarsch der Amerikaner sollen chronologisch wiedergegeben werden :

Dienstag, 3.4

Der als Reichsverteidigungskommissar für den Gau Südhannover-Braunschweig eingesetzte Gauleiter Lauterbacher hielt in Hameln eine Stabsbesprechung ab. Seinen Vorstellungen zufolge sollte die Stadt den Amerikanern äußersten Widerstand entgegensetzen. Eine illusorische Forderung, denn die Garnison bestand nur noch aus 500 Soldaten, die zwar vollständig mit Gewehren ausgerüstet waren und noch fünf Maschinengewehre und sechs kleine Granatwerfer besaßen, denen aber keinerlei schwere Waffen zur Verfügung standen. Die Volkssturm-Einheiten zählten nicht, sie standen weitgehend nur auf dem Papier. Gegen 17.30 Uhr wurde der Bahnhof und der Südrand der Stadt mit der dort angesiedelten Industrie durch alliierte Flugzeuge angegriffen; 29 Menschen fanden den Tod.

Mittwoch, 4.4

Der Tag wurde um 6.30 Uhr durch einen Luftangriff eingeleitet, dem 12 Menschen zum Opfer fielen.

Ein Generalmajor wurde neuer Abschnittskommandant für Hameln. Mit ihm versuchte "eine Gruppe besonnener Bürger" zu verhandeln, um die beabsichtigte Sprengung der Brücken zu verhindern. Aber am Abend wurde die Einwohnerschaft von der bevorstehenden Sprengung in Kenntnis gesetzt .

Für die Bevölkerung ein sicheres Zeichen dafür, dass die Stadt verteidigt werden sollte und man sich in Sicherheit bringen musste. Die Flucht aus der Stadt heraus in die Wälder oder in kleinere Orte der Umgebung begann. Allein nach Holtensen flüchteten etwa 1000 Hamelner. Auch Mitglieder der NSDAP-Kreisleitung verließen die Stadt. Oberbürgermeister Schmidt, Bürgermeister Busching und die gesamte Polizei zogen sich auf den Befehlsstand des militärischen Abschnittskommandanten bei Schliekers Brunnen zurück. Vom Zuchthaus ging ein letzter Treck mit 250 Gefangenen nach Eschershausen ab

 
Donnerstag, 5.4.

Am Morgen gegen 3.00 Uhr oder 4.00 Uhr  wurden die Hamelner Brücken gesprengt. Die Weserbrücke am Münster, die Eisenbahnbrücke und die kleine Hamelbrücke bei Körting: bei der Sprengung der Eisenbahnbrücke wurden auch diverse umstehende Häuser zerstört bzw. schwer beschädigt. Eine sinnlose Zerstörungstat, die den Vormarsch der Amerikaner allenfalls um einige Stunden aufhielt. Aber die NSDAP entwickelte in den letzten Kriegstagen noch einmal einen fanatischen Vernichtungswillen, der sich oft gegen das eigene Volk wandte. Josef Krämer, der letzte, nur sieben Tage amtierende, kommissarische NSDAP-Kreisleiter war von Gauleiter Lauterbacher mit dem strikten Befehl nach Hameln geschickt worden, die Wehrmacht dahingehend zu kontrollieren, dass die Brückensprengung durchgeführt würde. Und Kreishauptstellenleiter Brodhage versuchte sogar, Hamelner Industrielle zu veranlassen, ihre Werksanlagen zu sprengen. Die Amerikaner waren auf die Brückensprengung vorbereitet und begannen noch in der Nacht mit dem Bau einer Pontonbrücke bei Ohr.

Der Versuch, vom mittlerweile eingenommenen Klütviertel aus an der Hamelmündung zwischen Uferstraße und Fischbecker Straße eine weitere Brücke über die Weser zu schlagen, scheiterte dagegen unter dem deutschen Granatwerferfeuer.

Die Forderung der Amerikaner, die Stadt zu übergeben, wurde von der militärischen Führung in Hameln abgelehnt: daraufhin begann gegen 8.30 Uhr vom Klüt, vom Riepen und vom Ohrberg aus die Beschießung der Stadt mit Artillerie. Auch von Groß Berkel aus schossen Artillerie-Einheiten nach Hameln hinein. Das Feuer wurde durch über der Stadt kreisende Aufklärungsflugzeuge gelenkt.

Obwohl die Amerikaner davon ausgingen, dass die in Hameln befindlichen deutschen Truppen nur mit leichten Infanterie- Waffen ausgerüstet seien, war aus ihrer Sicht eine Beschießung der Stadt notwendig, um die eigenen Truppen weitgehend vor einem Kampf mit der deutschen Infanterie und somit vor unnötigen Verlusten zu bewahren. Die Verantwortung für die Zerstörungen und Todesopfer, die die Beschießung forderte, lag allein in der fanatischen Uneinsichtigkeit der verantwortlichen deutschen Stellen, die einen Widerstand um jeden Preis durchsetzten, obwohl die Sinnlosigkeit dieser Maßnahme augen- fällig war.

Die Menschen in der Stadt, die nicht geflohen waren, verkrochen sich in Bunkern oder Kellern und ließen den Beschuss über sich ergehen, während die Verantwortlichen sich im Befehlsstand bei Schliekers Brunnen in relativer Sicherheit befanden.

Aus dem unter starker Artillerie liegenden Zuchthaus brachen rund 165 französische Strafgefangene aus.

Die Feuerwehr hielt sich in Bereitschaft, um die zu erwartenden Brände bekämpfen zu können. Die Leitung hatte sich geweigert, ihre Mannschaften als Volkssturmmänner bewaffnet zum Errichten von Panzersperren einsetzen zu lassen (seit 1944 war die Feuerwehr formal dem Volkssturm eingegliedert) und war auch dem Befehl der Kreisleitung, sich mit Wagen und Gerät nach Haldensleben bei Magdeburg abzusetzen, nicht nachgekommen. Das heftige Artillerie-Feuer machte allerdings zunächst ein Eingreifen unmöglich. Erst gegen 18.00 Uhr konnte versucht werden, die brennende Marktkirche und das ebenfalls in Flammen stehende Rathaus zu retten. Der obere Teil des Marktkirchenturms hatte Feuer gefangen (die Amerikaner schossen u. a. mit Phosphor-Munition), war herabgestürzt und hatte sich zwischen Marktkirche und Rathaus verkeilt, so dass beide Gebäude bald in Flammen standen. Es stellte sich allerdings bald heraus, dass der Wasserdruck aufgrund der durch die Brückensprengung erfolgten Zerstörung des Wasserrohrnetzes zu niedrig war, um eine wirksame Brandbekämpfung betreiben zu können.

Auf der Klütspitze führten fünf versprengte deutsche Soldaten einen ebenso sinn- wie aussichtslosen Kampf gegen einen stark überlegenen amerikanischen Stoßtrupp. Drei von ihnen fielen, die beiden anderen gerieten in Gefangenschaft.

 
Freitag, 6.4.

Am Vormittag brach aufgrund der fortgesetzten Beschießung in der Osterstraße ein großes Feuer aus, dem fünf Häuser zum Opfer fielen. Die Feuerwehr wurde durch den zielgerichteten Beschuss an einer erfolgreichen Brandbekämpfung gehindert. Die Amerikaner setzten aus einem gegenüber Ohr gebildeten Brückenkopf ihren Vormarsch Richtung Hildesheim (Hauptstoßrichtung der amerikanischen Verbände) weiter fort.

Am Nachmittag rückten das 1. und 3. Bataillon des 117. US-Infanterie-Regiments über die Weser nach. Das 1. Bataillon sicherte die Brücke, das 3. Bataillon ging von Süden her gegen Hameln vor, entsetzte Teile der 2. US-Panzer-Division, die einen Brückenkopf über die Hamel hielten und rückte bis zum Güterbahnhof vor. Das 2. Bataillon sicherte das Klütviertel.

Der Kommunist Georg Schröter und Dr. Klages setzten mit einem Boot ins Klütviertel über, um durch Verhandlungen mit den Amerikanern einen weiteren Artilleriebeschuss Hamelns zu verhindern.

 
Samstag, 7.4.

Morgens gegen 6.30 Uhr griffen das 1. und 3. Bataillon des 117. US-Infanterie-Regiments den noch unbesetzten Teil Hamelns an, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Nach drei Stunden war die Stadt in der Hand der Amerikaner. Die noch in Hameln befindlichen deutschen Soldaten kamen in Gefangenschaft und wurden größtenteils in die Normandie abtransportiert. Der Abschnittskommandant hatte sich kurz vor dem Eindringen der US-Truppen von Schliekers Brunnen aus zu Fuß über den Süntel der Gefangennahme entzogen.

Oberbürgermeister Schmidt beging einen Selbstmordversuch, wurde aber von amerikanischen Soldaten noch rechtzeitig gefunden und in das als Reservelazarett genutzte Gymnasium eingeliefert.

Für Hameln waren die Kampfhandlungen des 2. Weltkriegs beendet. Aber in den Folgetagen starben noch etliche Schwerverletzte an ihren durch die Beschießung erlittenen Verwundungen. Über 100 Tote mussten nach der Beschießung auf dem Friedhof am Wehl beigesetzt werden.

Total zerstört wurden, neben den Brücken, die Wesermühle auf dem Werder, die Marktkirche, das Rathaus, die Häuser Emmernstraße 7 und 9, Münsterkirchhof 5, 6 und 6a, Baustraße 56, Große Hofstraße 11 und Osterstraße 41- 44. Zahlreiche Gebäude erhielten Granaten-Treffer oder wurden durch Luftdruck, Splittereinwirkung und Maschinengewehrfeuer beschädigt.

 
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