Die Stadtfestung

Hameln um 1640

Im 12. /13. Jahrhundert bildeten sich überall Städte, die es zu einem gewissen Reichtum und Standesbewusstsein gebracht hatten. Daraus ergab sich auch die Notwendigkeit sich gegen Raubritter zu schützen.

Die Städte umgaben sich zunächst nur mit einer Stadtmauer, deren Bauzeit meist mehrere Jahre betrug. Die Ausgänge der Stadtmauer zu den Fernwegen wurden durch Stadttore gesichert. In Hameln waren das: das Ostertor 1272, das Mühlentor 1282, das Wettor 1327, das Thietor 1340 und das Brückertor 1355. Ein Turm in der Mauer wird erst mal 1333 erwähnt. Im Endausbau flankierten 22 Türme die Mauer, die etwa 100 bis 120 Meter, d.h. in Schussweite, voneinander entfernt lagen. Nach Ausbau zur Landesfestung wurden die Türme zur Aufbewahrung des Pulvers genutzt. Am Kastanienwall sind noch der Haspelmathsturm und der Pulverturm erhalten. Dazwischen wurde 1990 eine nicht historische Stadtmauerrekonstruktion erstellt. Um das 13.Jahrhundert wurde vor der Stadtmauer ein trockener Graben ausgehoben.

Graben und Mauer waren gegen Angreifer mit Rammböcken, Wandeltürme oder Wurfmaschinen ausreichend. Doch Mitte des 14.Jahrhunderts kamen die ersten Feuerwaffen auf, deren Reichweite betrug am Anfang 100 bis 120 Meter und entwickelte sich rasch auf 1200 bis 1400 Meter. Als Ende des 15.Jahrhunderts noch die eisernen Kugeln aufkamen, genügten in den meisten Fällen einige Stunden, um eine ausreichende Bresche in die Mauern zu legen.

In der Mitte des 15.Jahrhundert erhielt Hameln einen Wall zwischen Graben und Stadtmauer, wobei die Weserseite ausgenommen war.

Im 16.Jahrhundert wird außerhalb des Hauptwalles ein neuer, sehr breiter Graben angelegt. Der alte Stadtgraben zwischen Mauer und Wall wurde zugeschüttet. Gegen den neuen Graben ist der steil abfallende Wall im unteren Teil mit behauenen Steinen abgedeckt. Die Rondelen und Bastionen (am Außenrand des Walles errichtete, das Vorgelände beherrschend, bis zur Höhe der Wallkrone reichende Verteidigungsplattformen für Geschütze, die hinter Schießscharten standen und nach vorn und zu den Flanken feuern konnten) sind durch einen gedeckten Gang auf dem Wall miteinander verbunden. Die Bastionen waren aus Stein gemauert und ihre Spitze lag 100 Meter vor der alten Stadtmauer. In den breiten Stadtgraben, vor den Toren der Stadt errichtete man spitzwinklige Erdwerke, sogenannte Ravelins. Auch diese wurden mit Kanonen und Wachhäuser bestückt. Je einen Zugbrücke führte auf das Ravelin und von da ins Freie. An der Weserseite, die nicht von einen Wall geschützt war, befanden sich erhöhte Stände für Geschütze. Auf dem Werder wurde zwischen 1625 und 1633 eine Schanze angelegt. Den äußeren Schutzring um die Stadt bildeten um 1385 bereits Landwehr und Warten. (siehe auch "Die Landwehr")

 

Die Stadtfestung um 1741
Stadtplan mit Eintragungen der ehem. Festungsanlagen
Die Stadtfestung um 1806

Übergang zur Landesfestung

Mit dem Begriff Festung änderte sich einiges: Durch Hamelns strategischer Lage an einem Weserübergang und am Helweg hatte der Welfische Herzog Christian Ludwig 1664 begonnen, die Stadt zur Landesfestung auszubauen, worüber die Stadt nicht gerade glücklich war. Es kam nicht mehr darauf an, den einzelnen Bürger zu schützen, sondern eine bestimmte Aufgabe im Rahmen der Landesverteidigung zu erfüllen.

Der Ausbau sah vor, die vorhandenen Rondelle zu 8 Bastionen zu erweitern. Diese ragten dann vom Hauptwall aus weit in den auf 60 bis 90 Metern verbreiterten Graben hinein. Außerhalb dieses Grabens war ein zweiter, niedriger Außenwall aufgeschüttet, um diesen herum die Hamel führte. Diese sogenannte "Festungshamel" ist in ihrem Verlauf zwischen der Bürenstraße und der Fischbecker Straße noch zu erkennen und sie mündet bei der Jugendherberge in die Weser. In der Nähe des Mühlentores und des ehemaligen Thietores befanden sich Stauwehre, die den Graben und die Festungshamel auf etwa 2 Meter aufstauten.

Die 3 mittelalterlichen Stadttore auf dem rechten Weserufer mussten verstärkt werden. Die Ravelins im Hauptgraben vor den Toren wurden ausgebaut. Nur über diese Inseln war der Zugang zur Stadt möglich. Je eine Brücke führte von einem Ravelin zum Stadttor oder auf eine Bastion und zum Außenwall. Das Ostertor wurde geschlossen und verlegt auf ungefähr die Höhe der heutigen Einmündung der Wilhelmstraße in den Ostertorwall.

Der äußere Ausbau der Festung war um 1670 vollendet. Im Inneren der Stadt wurden zwei Kasernen, die sogenannten Baracken, am Zehnthof und am Langenwall gebaut für die Soldaten und Offiziere der Festungsbesatzung. Unter dem Hauptwall wurden bombensichere Kasematten angelegt und am Pferdemarkt eine Hauptwache errichtet.

Die benötigten Steine wurden im Raum Polle gebrochen und auf dem Wasserweg nach Hameln gebracht. Die Eichenstämme stammten aus den heimischen Wäldern und dem Solling. Die Bauaufsicht lag in den Händen von Ingenieuroffizieren. Das Land des Befestigungsgürtels wurde den Bürger ersatzlos abgenommen. Diese hatten es überwiegend landwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt.

In Friedenszeiten lagen in der Festung die regulären Infanterie-Regimenter, sowie Invaliden- und Garnisonkompanien.

Um 1780 wurden im Festungsgraben Lünetten angelegt. Diese vom Wasser umfluteten Inselchen wurden mit kleinen Geschützen bestückt, um den Außenwall verteidigen zu können. Außerdem wurden im Vorgelände der Stadtfestung Sternschanzen angelegt (z.B. östlich der Stadt am Morgenstern, heute noch erhalten). Sie sollten erst bei Beginn der Belagerung mit leichten Geschützen und einigen Grenadieren besetzt werden. Zur gleichen Zeit wurde die Klütfestung geschaffen, diese beiden Werke machten Hameln zu einer modernen und als uneinnehmbar geltenden Festung. Das brachte der Stadt den Namen "Gibraltar des Nordens" ein. (siehe auch "Die Bergfestung")

Am 20. November 1806 leitete die Kapitulation der Festung Hameln die Übergabe der Stadt an französische Truppen ein und damit auch das Ende der Stadtfestung.—Kaiser Napoleon befahl die Festungsanlagen zu schleifen. Die Schleifung der Festungsanlagen geschah mit großen Aufwand und sehr gründlich.

Bastionen, Ravelins, Lünetten u.s.w

Die Festung besaß 8 Bastionen, die nach den Fürsten und Prinzen des welfischen Hauses benannt waren.

Bastion Nr.1, genannt "Johann Friedrich", ist das alte Rondell an der Weser und lag genau dort, wo das heutige Empfangsgebäude des Hotels "Stadt Hameln" liegt.

Bastion Nr.2, genannt "Georg Wilhelm", folgte im wesentlichen den heutigen Fröbelweg, ein vor der Spitze der Bastion liegender Teil des breiten Wassergraben ist noch heute als "Lüders Teich" vorhanden. Zwischen Bastion 1 und 2 befand sich das Mühlentor. Eine Brücke führte von der Stadtmauer und dem Wall auf das Mühlentor-Ravelin, von da über eine weitere Brücke zur Lünette Maria und über den äußeren Wall und Graben ins Freie.

Bastion Nr.3, "Ernst August", folgte etwa der heutigen Bismarckstraße (auch diese Bastion ist aus einem Rondell hervorgegangen). Die Spitze der Bastion lag an der Ecke Bismarckstraße/Hugenottenstraße. Zwischen den Bastionen 2 und 3 führte vom Redenhof ein Durchgang durch den Wall hindurch in Richtung auf das Ravelin "Friedrich Wilhelm".

Bastion Nr.4, "George Ludwig" (alte Bezeichnung "Waldauer Schanze"), erstreckte sich vom Ostertor in die Deisterallee hinein. Seine Spitze lag in der Fahrbahnmitte etwa auf der Höhe des heutigen Sanitätshauses. Der Stadtausgang nach Osten lag damals nicht am Eingang zur Osterstraße, sondern etwa an der Ecke Wilhelmstraße/Ostertorwall. Von dort kam man über eine Brücke auf einen Ravelin, der etwa die Gesamte Fläche des heutigen Krankenhauses an der Wilhelmstraße bedeckte. Über eine weiter Brücke und die Lünette "Amalie" gelangte man auf den äußeren Wall und über eine dritte Brücke schließlich, auf Höhe des Kino-Center, aus der Festung heraus.

Bastion Nr.5, "August", bedeckte die gesamte Fläche des heutigen Wochenmarktes, sie reichte von der Landeszentralbank bis zur Einmündung der Sedanstraße auf den Kastanienwall, ihre Spitze befand sich ungefähr im Weserbergland-Zentrum. Zwischen 4 und 5 lag Ravelin "Wilhelm Heinrich", er nahm einen großen Teil des Bürgergartens ein.

Bastion Nr.6, "Maximilian" (alte Bezeichnung "Blaue Schanze"), setzte auf halber Strecke zwischen Sedan- und Waterloostraße an, ging bis zur Wettorstraße, ihre Spitze lag in der Gröningerstraße. Zwischen 5 und 6 ging ein Durchgang durch den Wall. Gegenüber lag Ravelin "Eduard August" im oberen Teil der Sedanstraße. Dort kann man heute noch am Lauf der Hamel noch sehr gut die Lage der Bastion und des Ravelins nachvollziehen.

Bastion Nr.7, "Carl", lag vor der Neue Torstraße und symmetrisch zur heutigen Erichstraße. Seine Spitze befand sich auf der Höhe der Kreuzung mit der Gröninger Straße. Zwischen 6 und 7 lag das Ravelin "Georg", etwa auf dem heutigen Parkplatz der Schillerschule. Vom Neuen Tore mußte der Reisende stadtauswärts über Bastion 7, die Halbbastion "Georg", eine Brücke, den Ravelin am Neuentor, wieder eine Brücke und die Lünette "Anna" gehen, um den äußeren Wall und das Wachthaus an der äußeren Hamel zu erreichen, wo er dann schließlich die Festung verlassen konnte.

Bastion Nr.8, "Christian", lag auf den Grünanlagen des Saint-Maur-Platzes mit einer Flanke direkt der Weser zugewandt. Ihr gegenüber befand sich die Lünette "Elisabeth", deren Aufgabe es war, die Ausflussschleuse des Hauptwassergrabens zu decken. Auf dem Gelände der Lünette befindet sich heute das Krankenhaus an der Weser.

Die Weserseite war nur durch die Stadtmauer gesichert. Die Stromseite der Stadt sollte durch den Werder gedeckt werden. An der Stelle der alten Schleuse befand sich eine Demilune, die nach Westen und Nordwesten wies.

Als Brückenkopf diente ein größeres Werk mit mehreren Verteidigungslinien übereinander.

Die Inundationsschleuse wurde 1758 etwa da angelegt, wo die Ohsener Straße die Hamel kreuzt. Sie hatte die Aufgabe, das Wasser der Hamel und des Feuergrabens so zu leiten, dass das ganze Vorgelände der Festung unter Wasser gesetzt werden konnte. Dieses passierte sechsmal .4 mal im 7-jährigen Krieg, dann von November 1805 bis zum 19.März 1806 von den Franzosen und Ende Oktober 1806 von den Preußen.

 
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