Die Hamelner Garnison

Die Stadtfestung

Napoleonische  Zeit

1803 wurde die hannoversche Armee infolge der Kapitulation von Artlenburg durch die Franzosen aufgelöst.

Von 1803 bis 1806 lagen Franzosen in der Stadt.

Durch den Schönbrunner Vertrag vom 15.Dezember 1805 ,übertrug Napoleon das gesamte Kurfürstentum Hannover an Preußen. Im April 1806 übernahmen Preußen die Stadt von den Franzosen. Im gleichen Jahr kam es zum Bruch zwischen den beiden Parteien. Am 20.November 1806 kapituliert die Festung ohne große Not und die Franzosen ziehen wieder ein. Unentschlossene und überalterte Generale lieferten nach dem Schrecken von Jena und Auerstädt auch die starke Festung Hameln dem Feind aus. 1808 lässt Napoleon die gesamte Festungsanlage der Stadt und auf dem Klüt schleifen. Tausende von Arbeitern haben innerhalb weniger Monate gründliche Arbeit geleistet, es gibt heute kaum noch Spuren der Anlage im Gelände zu finden.

Nach dem Zusammenbruch des Napoleonischen Feldzugs, kamen am 5.November 1813 wieder deutsches Militär als Einquartierung in die Stadt. Im Winter 1813/14 entstand, nachdem die Regierung die Bildung von 30 hannoverschen Landwehr-Bataillonen anordnete, in Hameln ein Landwehr-Bataillon. Viele Bürgersöhne traten ein und als erster Kommandeur steht Major Julius Wilhelm v. Strube (1774-1834) aus Behrensen. Im Juni 1814 bestand das Bataillon seine Feuerprobe bei Quatrebras. Genau ein Jahr später gehörte es zu den hannoverschen Verbänden, die am 18.Juni 1815 in der Schlacht bei Waterloo, das Schicksal Napoleons endgültig entschied. Das Landwehr-Bataillon Hameln stand im Brennpunkt des Kampfes und durfte später mit anderen Bataillonen den Namen Waterloo am Helm tragen. Auch beim Einmarsch in Paris und bei den großen Paraden war man dabei. Am 25.Januar 1816 kehrte das Bataillon unter dem Geläute der Glocken in seiner Heimatstadt zurück.

In den folgenden, ruhigeren Jahren wurde die hannoversche Armee immer weiter verkleinert. Bis 1840 lagen immer Teile des 2.Calenberger Infanterie Regiment, in dem das Hamelner Landwehr-Bataillon aufging,  in der Stadt. Ab 1840 hatte die Stadt keine Garnison mehr.

 

Die alte Kaserne an der Deisterstrasse
Scharnhorst-Kaserne, gesehen übern Exerzierplatz (heute Bürgergarten) vom Standort des Touristeninfogebäudes.
Scharnhorst-Kaserne

Die Preußen kommen

Nach 1866 wurde Hameln preußisch und es lagen in der Stadt nacheinander die 76er, 56er und das 3.Bataillon der 79er.

Das Kaiserreich und die 164er

Am 1.April 1897 wurde das Infanterie-Regiment Nr. 164 aufgestellt. Regimentsstab und II.Bataillon kamen nach Hameln, in die vom III. Bataillon Regiment 79 innegehabten Kasernen an der Deisterstraße. Das II. Bataillon lag erst in Hannover, bevor es am 1.Oktober 1898  nach Hameln in die neue Kaserne an der Scharnhorststraße kam. Vom 24.Januar 1899 wurde das Regiment Träger der Überlieferung des vormaligen "II.Hannoverschen Infanterie-Regiments". Es führte fortan die Bezeichnung "4.Hannoversches Infanterie-Regiment 164", außerdem wurde ihm ein Helmband mit der Inschrift "Waterloo" verliehen.

Aufgrund der Heeresverstärkung  erhielt das Regiment am 1.Oktober 1913 ein drittes Bataillon, welches in Holzminden stationiert wurde. Außerdem eine in Hameln verbliebene MG-Kompanie.

Am 8.August 1914 zog das Hamelner Regiment im Verband der zweiten Armee in den 1.Weltkrieg. Seine Feuertaufe erlebte es in der Schlacht bei Namur am 22.-24. August. 910 Mann und 22 Offiziere an Toten, Verwundeten und Vermissten forderten diese Kämpfe, bei den auch der Kommandeur des I. Bataillons fiel. Auf dem Vormarsch zur belgisch-französischen Grenze waren die Hamelner an den Schlachten bei St.Quentin und an der Marne beteiligt. Ihre opfervolle Eroberung und Verteidigung von Dorf und Schloss Mondement am 9.September 1914 gilt in der Militärgeschichte als "eine der glänzendsten Waffentaten des Herres von 1914". Am gleichen Tage wurden in der heimischen Garnison 800 Kriegsfreiwillige verabschiedet. Im Stellungskrieg bei Reims reihte man sie in den Frontkompanien ein. Allein das Gymnasium stellte im ersten Kriegsjahr fast hundert Freiwillige. An der Front vollzog sich im Frühjahr 1915 für die 164er ein Wechsel, bis dahin gehörten sie zur 39.Brigade der 20.Infanterie-Division, des hannoverschen X. Armeekorps, wo sie ausgegliedert wurden und mit dem Füsilier-Regiment 73 und dem hanseatischen Infanterie-Regiment 76 zur neuen 221.Brigade der 111.Infanterie-Division zusammengelegt wurden, der sie bis Kriegsende verbunden blieben. Der Sturm auf die Maashöhen bei Les Eparges nahe Verdun, die Herbstschlacht bei La Bassee und Arras waren 1915 und die große Materialschlacht an der Somme bei Combles 1916 und in Flandern 1917 waren weitere Stationen. Bei der letzten großen Offensive im Frühjahr 1918 und den großen Abwehrschlachten, verbunden mit den  Rückzugsbewegungen der letzten Monate des Krieges, forderten von dem immer wieder aufgefüllte Regiment hohe Verluste. 146 Offiziere, 247 Unteroffiziere und 2030 Mannschaften fielen. Bei Waffenstillstand, am 11.November 1918 befand sich das Regiment in Valenciennes, an der französisch-belgischen Grenze, von wo es in soldatischer Disziplin im Fußmarsch über Verviers, Eupen, Köln und Soest, nach 435 km, am 13.Dezember Hameln erreichte. Dort wurde unter Glockengeläut das Regiment von der Bevölkerung herzlich begrüßt. Am 22.März 1919 wird nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags das Infanterie-Regiment 164 aufgelöst.

Das 18. Infanterie-Regiment  der Reichswehr

Im Juli 1919 werden zwei im Januar aufgestellte Sicherheitskompanien, die im April zunächst in das Reichswehr-Infanterie-Regiment 20 eingegliedert, mit dem in Hameln eintreffenden Freikorps Bülow zum IV.Bataillon/Infanterie-Regiment 19 zusammengelegt.

Am 31.Mai 1920 rückt das Sturmbataillon 107, zu dem an den Unruhen und Kämpfen im Ruhrgebiet beteiligten Freikorps Lichtschlag gehörig, unter Major Roese nach Hameln ein. Es wird als II.Bataillon/Infanterie-Regiment 19 in die Reichswehr eingegliedert und löst das  IV.Bataillon/Infanterie-Regiment 19 ab.

Im Herbst 1920 wird aus Angehörigen verschiedener Truppenteile, u.a. des Freikorps Lichtschlag und der ehemaligen 164er das III. Bataillon/Infanterie-Regiment 18 unter Major F. Roese als Kommandeur aufgestellt. Für die 9. und 10. Kompanie wird Hameln Garnison. Der Stab, 11. und 12. Kompanie liegen in Bückeburg.

Ein tragisches Unglück

Am Dienstag, 31.März 1925 um 9.40 Uhr ereignete sich bei Veltheim (Kreis Minden/Westfalen) im Rahmen einer großen Übung die größte Reichswehr-Katastrophe in Friedenszeiten. Beim Übersetzen mit einer Fähre  kentert diese mit 160 Soldaten vollbesetzt auf der an dieses Stelle 90 Meter breiten und Hochwasser führenden Weser. 81 Soldaten ertrinken, davon 18 Angehörige der beiden Kompanien des Infanterie-Regiments 18 aus Hameln. Heute erinnert noch ein Gedenkstein in der Scharnhorst-Kaserne an das Drama.

 

Linsingen Kaserne

Die Wehrmacht und die 74er

Im März 1935 wurden mit dem Aufbau der Wehrmacht auch in Hameln Kasernenneubauten  und -umbauten notwendig, um das neu geschaffene Infanterie-Regiment 74 unterzubringen, das Teil der 19.Infanterie-Division war. 1935 wurde die Scharnhorst-Kaserne erweitert und umgebaut. In diese zog 1937 das I.Bataillon/Infanterie-Regiment 74. 1937/38 wurde an der Süntelstraße die Linsingen-Kaserne neu erbaut. In diese zog im Januar 1938 das  II.Bataillon/Infanterie-Regiment 74.

Am 24.August 1939 trifft das III.Bataillon/Infanterie-Regiment 74 in der Stadt ein und bezieht Massenquartiere in Gaststätten. Es folgen am 25.August die 3.Schützen-Ersatzkompanie/Infanterie-Feldbataillon 19 und der Flak-MG-Reservezug 4/251 (E).

Am 3.September 1939, zwei Tage nach Beginn des deutschen Überfalls, rückt das Infanterie-Regiment 74 Richtung Polen ab. Jubelszenen und Freudenkundgebungen der Bevölkerung, wie sie beim Ausbruch des 1.Weltkrieg noch in der Stadt stattgefunden hatten, gab es diesmal nicht. Als Teil der Heeresgruppe Süd, 10.Armee, XI.Armeekorps, 19.Infanterie-Division drangen sie von Schlesien aus nach Polen ein. Der Feldzug kostete den Regiment 79 Gefallene, 269 Verwundete und 17 Vermisste.

Am Morgen des 10.Mai 1940 marschierte das Regiment als Teil der Heeresgruppe B, 18. Armee, VIII Korps, in Holland ein. Zuerst fiel die Befestigungslinie bei Roermond an der Maas. Dann ging es nach Belgien, mit Kämpfen am Albert-Kanal, bei Leuven, an der Schelde, an der Leie bei Harelbeke und zwischen Ypern und Langemark. Damit waren die kämpferischen Höhepunkte abgeschlossen und es folgte der Marsch durch Frankreich mit der Parade des Regiments auf dem Place de la Nation in Paris am 16.Juni. Am 11.September werden während der Feldparade der 19.Infanterie-Division bei Schloss Lalleu/Frankreich drei von vier Ritterkreuzen der Division an Angehörige des Hamelner Regiments vergeben. Am 28.September rückt das Regiment nach siegreich beendetem Westfeldzug in die fahnen- und blumengeschmückten Stadt ein.

1941 wird durch Umorganisation aus dem Infanterie-Regiment 74, das Panzer-Grenadier-Regiment 74, das Teil der 19.Panzer-Division ist.

1941 rückt das Regiment als Teil der Heeresgruppe Mitte, Armee Pz.Gr. 3, LVII mot. Korps, an die Ostfront aus. Es geht bei Suwalki in Nordostpolen, nahe der russischen Grenze in Stellung. Bis Ende Dezember stößt das Regiment bis 70 km vor Moskau vor und wird dort in schwere Kämpfe mit frischen, winterfest ausgerüsteten Truppen aus Sibirien verwickelt und muste zurück weichen. Die Hamelner folgen dabei, ohne es zu wissen, fast exakt der Marschroute, die Napoleon während seines Russlandfeldzuges 1812 gewählt hatte. Nach der Zurücknahme wird das stark geschwächte Regiment nördlich Brjansk im Partisanenkampf eingesetzt Fortsetzung folgt

Zu Kriegsende liegen in der Stadt zwei Ersatzbataillone und ein Aufbaubataillon mit fast 4000 Mann in Garnison. Am 20.März 1945 verlässt die Garnison Hameln - nur teilweise bewaffnet - in Richtung Münder um zerschlagene Kampfdivisionen aufzufüllen. Die Restgarnison von etwa 500 Mann hat wohl Gewehre, jedoch nur 5 Maschinengewehre und 6 Granatwerfer.

Die Britische Garnison

Am 07.April 1945 besetzen das 1. und 3. Infanteriebataillon des 117. Infanterie-Regiments (30.US-Division, Brigadegeneral Harrison) Hameln.

Am 08.April trifft der britische Stab des 123.Military Government Detachment mit sechs Offizieren unter den späteren Stadtkommandanten Major Lynden-Bell in der Stadt ein. Er bereitet die Übernahme durch die Briten vor. Die Amerikaner beschränken sich auf die militärische Sicherung der Region.

Am 20.Juli trifft das 5.Batallion "Queens Own Cameron Highlanders" in Hameln ein und bildet die erste Britische Garnison der Stadt.

1949 kommt das "29.Field Squadron Royal Engineers" in die Stadt.

Am 18.April 1962 wird das "1.Middleessex-Regiment" von Hameln nach England verlegt.

Am 29.Mai 1962 erfolgt die Verlegung des "Royal-Warvickshire-Regiment" nach Hameln, welches vorher in Hongkong stationiert war.

Am 2.Dezember 1962 wird die 11.britische Pionierbrigade von Osnabrück nach Hameln verlegt.

Im Herbst 1969 findet aus Anlass der 20jährigen Anwesenheit der "29.Field Squadron Royal Engineers" eine Parade in Hameln statt.

Am 21.April 1970 macht der kommandierende General der 4.Division der britischen Rheinarmee, zu dessen Befehlsbereich auch die Hamelner-Garnison gehört, einen Besuch in der Stadt.

Am 19.Juli 1970 verlässt das Transport-Regiment "Royal Corps of Transport" die Stadt.

Am 7.April 1971 wird das "28. Amphibien Engineer Regiment" in Hameln gegründet und in der Scharnhorst-Kaserne stationiert. Ab April 2000 Linsingen-Kaserne.

Am 3. und 4. November 1993 besucht Königin Elizabeth II von England die in der Stadt stationierten Pioniere.

Bis 1999 ist in der Linsingen-Kaserne das "35. Engineer-Regiment" stationiert, das nach Paderborn verlegt wird.

Am 31.März 2001 geben die Briten das Gelände der Scharnhorst-Kaserne an das Bundesvermögensamt zurück.

Im April 2001 sind in Hameln 960 Militärangehörige der Briten stationiert.

 

Zum Jahresende 2014 verlassen die Briten Hameln endgültig. Was mit den Liegenschaften geschieht ist zum größten Teil noch offen.

 

In Hameln endet die Garnisonsgeschichte.

 
Betreiber: Jörg Meyer | Webdesign/Typo3: SOL.Service Online, Hameln