3.Brief des Kommandanten an den Oberbürgermeister der Stadt Hameln
abschrift des Originals
Major Westermann Im Osten, den 6.8.1941
Rgt.Führer S.R.74
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister!
Während eines ruhigen Kampfabschnittes gedenke ich heute der alten Friedensgarnison des Regiments, die uns auch nach der Rückkehr vom Westfeldzug so herzlich aufgenommen und den Winter über bewirtet hat.
Gerade jetzt, wo wir die „Segnungen“ des Bolschewismus am eigenen Leibe erfahren, denken wir gerne an diese Zeit zurück.
Nach 6 Wochen Krieg gegen den Bolschewismus hat das Regiment bereits einen großartigen Siegeszug hinter sich, über den ich Ihnen etwas näher berichten will.
Von unserem Ausbildungsaufenthalt auf dem Truppenübungsplatz Sennelager wussten Sie ja. Am 9.6.41 war auch diese Zeit beendet; das Regiment bekam den Abmarschbefehl zum Einsatz. Am 10.6. wurde das Regiment im Landmarsch in den Raum um Bernburg verlegt. Eine fahrt von über 300 km führte uns durch eine der herrlichsten Gegenden Deutschlands; dem Weserübergang bei Beverungen folgte der herrliche Südharz – Herzberg, Lauterberg, Nordhausen – vorbei am Kyffhäusergebirge mit Kyffhäuserdenkmal und durch die Mansfelder Industriegebiete.
Am 12. und 13.6. wird das Regiment in der Gegend von Bernburg verladen. Auf der Kanonenbahn geht es über Berlin, Frankfurt/Oder bei Bentschen über die alte Reichsgrenze, weiter über Posen und Thorn zur ostpreußischen Grenze bei Deutsch-Eylau. Hinter Allenstein erfolgt die Ausladung. Unterbringung erfolgt im Raum um Mensguth, wo das Regiment bis zum 21.6. verbleibt. Diese Zeit wird nochmals benutzt, um alles auf den bevorstehenden Einsatz vorzubereiten. Am 21.6. erfolgt der Abmarsch zur deutsch-russischen Grenze, die über Suwalki erst am 24.6. bei Berzniki überschritten wird.
An diesem Tage erfolgte auch die erste Feindberührung. Hinter der eigentlichen Front wurde die 6. Kp. Von versprengten Russen während einer Rast angeschossen, die aber alle gefangen b.z.w. beim Gefecht bereits erledigt und ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden.
Am 26. bis 30.6. war das Regiment, vornehmlich mit dem II.Btl., an der Bildung der Kessel von Minsk mit beteiligt. Starke Ausbruchsversuche der Russen bei Surwiliszki (nordwestlich Minsk) wurden abgeschlagen. Hierbei traten auch die ersten Verluste ein, die jedoch im Vergleich zu den russischen gering waren. Auch ein Versuch der Russen, mit seinen schwersten Panzer-Wagen einen Durchbruch im Abschnitt des II.Batl. zu erzwingen wurde abgewiesen. Die Abwehrerfolge brachten dem Regiment das Lob und die Anerkennung sowohl des Divisions-Kommandeurs wie auch des Kommandierenden Generals ein.
Nach entgültiger Einschließung der Feindverbände im Raum Minsk durch Panzer- und schnelle Verbände erfolgte die Ablösung durch Infanterie-Einheiten. Das Regiment marschierte in nordwestlicher Richtung nach Wilna, wo es am 1.7. eintrifft und für eine Nacht am Nordostrand Quartier bezieht.
Wilna selbst hatte unter den Kampfhandlungen nicht sehr gelitten, wohl aber unter der kurzen Misswirtschaft der Bolschewisten.
Von Wilna aus ging es auf sehr schlechten Straßen und Wegen, die uns auch bis heute noch nicht wieder verlassen haben, in mehreren Tagesmärschen zur Düna. Was es heißt, mit einer motorisierten Kolonne auf diesen russischen Straßen zu marschieren, werden Sie ja wohl schon in den Tageszeitungen zur Genüge gelesen haben. Hier an der Düna war es der Division als einzige gelungen, bei Dzisna einen Brückenkopf zu bilden. Der nächste Brückenkopf nördlich befand sich bei Dünaburg. Während das Regiment an der Bildung dieses Brückenkopfes nicht beteiligt war, er wurde vom Schützen-Regiment 73 erkämpft, war es jedoch jetzt Aufgabe des Regiments, ihn zu erweitern und zu halten.
Der Russe war sich der Wichtigkeit dieses Brückenkopfes für uns und der Gefährlichkeit für ihn voll bewusst. In dauernden Angriffen mit großen Massen, sowie täglichen Fliegerangriffen, versuchte er tagelang stets vergeblich, uns auf das andere Ufer wieder zurückzudrängen. Unter ungeheuer blutigen Verlusten wurde er stets wieder zurückgeschlagen. Es ist das Verdienst beider Bataillone des Regiments, dass dieser wichtige Ausgangspunkt für die weiteren Operationen gehalten, gesichert und erweitert wurde. Leider ist es hierbei auch auf unserer Seite nicht ohne schmerzliche Verluste abgegangen.
Das es sich hierbei um den Einbruch in die Stalin-Linie handelte, stellte sich bei weiterem Vorgehen heraus. Starke Bunker- und Feldstellungen mussten niedergekämpft werden, bevor das Regiment am 13.7., nachdem es Borkowitschi als Hauptort der Abwehrkämpfe um die Brückenkopfstellung bei Dzisna verlassen hatte, zum Angriff über die Dryssa antrat. Auch dieser Angriff gestaltete sich zu einer Glanzleistung des Regiments, der wieder die vollste Anerkennung und das Lob aller höheren Kommandostellen fand. Am 14.7.41 fand der Weitermarsch auf Dretun statt, wo das II.Batl. zur Sicherung der Divisions-Flanke eingesetzt wurde und mehrere russische Massenangriffe, die den Zweck verfolgten, den Weg nach Osten für die bei Poloszk eingeschlossenen und stark bedrängten Russischen Kräfte freizumachen, erfolgten. Aber auch diese Absicht des Feindes scheiterte an der heroischen Kampfesweise unserer Soldaten. Bei diesen Kämpfen wurde auch ein russischer Panzerzug vernichtet. In der Nacht zum 16.7. wurde der weitere Vormarsch auf Newel fortgesetzt. Das Panzer-Regiment der Division hatte als Vorausabteilung bereits am Vortage auf diese Stadt hin angegriffen. Die Spuren des Kampfes am Vortage zeichneten den Weg. Hier sahen wir auch zum ersten Mal eine Unmenge russischer Traktoren zur Landbearbeitung in einem Waldstück von den Russen hier abgestellt. Anscheinend wollte man verhindern, dass uns diese für Russland so lebensnotwendige Maschinen in die Hände fielen, hatte aber nicht mit unseren schnellen, siegreichen Vormarsch gerechnet.
In Newel trat das Regiment noch am selben Tage mit einem Btl. (dem II.) zum Angriff südlich Newel auf die See-Enge von Kassenkowo an, ein Ort, der auch im Regiment zu einem Begriff geworden ist. Am nächsten Tage, dem 17. 7., stößt das I.Btl. über das vom II.Btl. erreichtem Angriffsziel Kassenkowo hinaus bis Gurki vor, wo es einer anderen Division die Hand erreicht. Hierdurch war die Straße Witebsk – Newel ganz in deutsche Hand gelangt. Bei diesen Kämpfen wurden mehrere hundert Gefangene gemacht.
Am 18.7. ist Wel. Luki das Angriffsziel der Division. Auch hierbei wird ein Btl. Des Regiments mit eingesetzt, um starke Ausbruchversuche des Feindes nach Süden zu verhindern. Das I.Btl. hat sich auch hier tadellos geschlagen. Das II.Btl. hatte in diesem Kampfabschnitt die Aufgabe, die Vormarschstraße der Division zu sichern, hatte hierbei starke russische Angriffe auf diese Straße während den nächsten Tage abzuschlagen und manche kritische Situationen zu meistern, was auch in jeder Lage vollkommen gelungen ist. Als am 20.7. der Russe sich mit 1 Division weiter rückwärts der Straße in ungefähr 20 km Länge wieder bemächtigt hatte, wurde das II.Btl., unterstützt von Panzern, zum Gegenangriff angesetzt und der Russe in die Flucht geschlagen. Bei diesem Gegenangriff fiel der Führer der 8. Kp., Lt. Schütt.
Da die Division inzwischen eine andere Aufgabe bekommen hatte, ging es von Wel. Luki zurück über Newel, Welish auf Bjeloj zu. Hier befindet sich das Regiment seit dem 27.7. und hat die Aufgabe, starke russische Kräfte um Bjeloj zu binden und einen Durchbruchsversuch dieser Kräfte nach Süden zu verhindern. Täglich sind hier starke russische Angriffe, zum größten Teil noch unterstützt von Panzern, abzuschlagen.
Leider fiel hier in dieser Stellung der Regiments-Kommandeur, Oberstleutnant Iwand, am 27.7.41 durch einen russischen Fliegerangriff. Auf diese Weise hat sich das Soldatenschicksal eines Offiziers erfüllt, der sich bereits im Weltkrieg hervorragend bewährt, für seine Verdienste während des Polenfeldzuges mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet wurde. Der Heldentod dieses tapferen Offiziers ist über das Regiment hinaus in der ganzen Division als ein sehr schmerzlicher Verlust empfunden worden.
An diesem Tag habe ich das Regiment übernommen. Mein bisheriges Btl., das II., führt jetzt Hauptmann Ammann, der bislang Chef der 3.Kp. war.
Über die hinterhältige, brutale, aber doch wieder hartnäckige Kampfesweise der Russen werden Sie, Herr Oberbürgermeister, bereits gelesen haben. Aber auch hiermit sind wir dank unserer soldatischen Überlegenheit bislang fertiggeworden und werden es auch in der Zukunft. Am Endsieg unserer Waffen ändert dieses alles nichts. Das Regiment ist sich der großen Tradition bewusst und über die große Aufgabe im Kampfe gegen den Bolschewismus im klaren. Es wird weiterhin so kämpfen, wie es bereits im Polenfeldzug, im Westen und hier bislang gekämpft hat. Die alte Garnisonstadt kann sich auf ihre Soldaten verlassen.
Im Namen des ganzen Regiments spreche ich ihnen, Herr Oberbürgermeister, und der Bevölkerung der Stadt Hameln meine herzlichen Grüße aus, verbunden mit den Wünschen für ein frohes Wiedersehen nach dem Endsieg im Kampfe gegen den Bolschewismus.
Heil Hitler !
Ihr sehr ergebener
Westermann
Major und Regimentsführer
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