Kibbutz Cheruth (Kommune Freiheit)

In diesem Bericht geht es um eine jüdische Jugendgruppe in Deutschland, die während der 20er Jahre in der Umgebung von Hameln gelebt und gearbeitet hat. Diese Gruppe war durchaus etwas Besonderes. Es waren national-jüdische Pioniere, die schon vor der Machtergreifung Hitlers nach Palästina gegangen sind und damit Wegbereiter des heutigen Staates Israel waren. In Deutschland gab es damals nicht viele Juden, die bereit waren, für die Errichtung einer Jüdischen Heimstätte in Palästina auch wirklich auszuwandern und die dort warteten Strapazen (wohnen im Zelt), Armut (Lohnarbeit bei Plantagenbesitzern) und Krankheiten (Typhus und Malaria) auf sich zu nehmen. Auch sahen die Aussichten auf einen jüdischen Nationalstaat nicht sehr gut aus, da der Widerstand der Araber und der Briten, die Mandatsmacht war, wuchs. Es wurde Mitte der 20er Jahre eine Einwanderungssperre für Juden verhängt. Viele Juden reisten mit einem Touristenvisum ein und blieben so einfach in Palästina.

Das Leben der Gruppe in der Umgebung von Hameln

Der "Kibbutz Cheruth" war wesentlich eine Schöpfung des "Brith Haolin". "Brith Haolin" bedeutet "Bund der Einwanderer" oder "Bund der Aufsteigenden" und wurde 1923 auf dem Ohrberg bei Hameln gegründet. Es schlossen sich dort junge Zionisten zusammen, um sich auf die Emigration nach Palästina vorzubereiten. Grundlage der Arbeit war die praktische Vorbereitung für landwirtschaftliche oder handwerkliche Berufe. Schon bevor der "Kibbutz Cheruth" 1926 gegründet wurde, hatte es ein "Hamelner Zentrum" gegeben, in dem die landwirtschaftliche Ausbildung von jüdischen Palästina-Pionieren bei den Bauern der Umgebung vermittelt wurde. Einzelne deutsch-jüdische Pioniere waren auch schon früher (ab 1920) nach Palästina gegangen. Der "Kibbutz Cheruth " war aber die erste geschlossene größere Gruppe aus Deutschland, die nicht zerfiel und auch in Palästina auf Dauer bestehen konnte und dort den Kibbutz Givat Brenner aufbauten.

Die Mitglieder lebten in der Nähe von Hameln, Aerzen, Lügde und Holzhausen bei Bauern und arbeiteten in der Landwirtschaft. Außerdem gab es noch eine Außenstelle in Wolfenbüttel, dort gab es eine Gärtnerei, wo in der Gemüsezucht gearbeitet wurde. Man traf sich mit den anderen aus dem Dorf in dem man arbeitete jede Woche, alle 14 Tage kam die ganze Gruppe zusammen. Man traf sich dann abwechselnd in Aerzen oder Holzhausen.

Die Gruppe wurde ab 1926 betreut durch den Zahnarzt Hermann Gradnauer, der schon mehrere Jahre mit seiner damaligen Frau Hilde und seiner Tochter in Palästina verbracht hatte; u.a. waren sie auch im Kibbutz Ein Charod, aus dem sich Plugoth (Gruppen) absonderten, um neue Kibbutzim zu gründen. Der "Kibbutz Cheruth " sollte sich später mit einer dieser Gruppen vereinigen und Givat Brenner gründen. Um 1925/26 herrschte in Palästina aber eher eine Krisenstimmung vor und zum Teil kehrten Pioniere sogar nach Deutschland zurück.

Aus gesundheitlichen und familiären Gründen verließ um 1926 auch die Familie Gradnauer Palästina und ließ sich in Hameln nieder, wo Hermann eine Zahnarztpraxis eröffnete. Aber trotz seiner Rückkehr blieb Gradnauer ein überzeugter Zionist. Er stürzte sich sofort in die zionistische Arbeit; diese bestand in der Vermittlung von Stellen, der Organisation von Gruppentreffen und Fortbildungskursen oder der Beherbergung der Jungen und Mädchen in seinem Hause, wenn sie nachts mit der Eisenbahn in Hameln ankamen und nicht mehr auf ihre Höfe konnten u.a.m.

Besonders wichtig war für Hermann Gradnauer die "Erziehungsarbeit". Es ging ihm darum, den zwar sehr motivierten und idealistischen, zum Teil aber auch noch etwas naiv-romantischen Jugendlichen mit der harten Realität Palästinas vertraut zu machen. Hierbei konnte er besonders überzeugend sein, da er dort persönlich einige Jahre verbracht hatte. Er wusste somit, worauf es ankam, nämlich auf die Fähigkeit, ungewohnte harte Arbeit und Strapazen durchzustehen, eine feste Überzeugung als Zionist zu gewinnen, um nicht gleich bei Schwierigkeiten die Flinte ins Korn zu werfen und vor allem auf den Aufbau einer neuen jüdischen Identität. Letzteres war deshalb besonders wichtig, weil fast alle Jugendlichen die Lebensweise ihres Elternhauses für sich persönlich ablehnten und nach einem Weg für eine neue jüdische Lebensform suchten. Dies war ja gerade das Motiv gewesen, das sie in den "Kibbutz Cheruth " gebracht hatte .Um 1935/36 ging er wieder zurück nach Palästina. Zuerst ließ er sich in Tel Aviv nieder; 1942 ging er dann endgültig nach Givat Brenner .

Deshalb wurden Grandnauer, aber auch andere zionistische Führer und Lehrer nicht müde, eine intensive "Kulturarbeit" neben der schweren körperlichen Arbeit zu verlangen und anzuleiten. Diese bestand in der Auseinandersetzung mit humanistischer und sozialistischer Literatur, jüdischer Dichtung und jüdischer Philosophie. Hier wäre vor allem Martin Buber zu nennen, der in der jüdischen Jugendbewegung damals auf fruchtbaren Boden fiel, was auch dazu führte, dass die Hamelner Gruppe die Bezeichnung "Cheruth "(Freiheit) übernahm, die in einer von Bubers Veröffentlichungen eine zentrale Bedeutung hatte .

Wichtiger als die Aneignung jüdisch-philosophischer Grundlagen schien damals das Erlernen der neuhebräischen Sprache zu sein. Gradnauer wurde nie müde, die Bedeutung des Spracherwerbs zu betonen. Die hebräische Sprache war dabei nicht nur ein besonders effektives Medium für die Neuorientierung am Judentum, sondern hatte auch eine enorme praktische Bedeutung. Zurückgekehrte Palästina-Pioniere wie Gradnauer und Rosenblatt oder auch die zahlreichen Schlichim ("Boten ") aus Palästina wussten zu berichten oder hatten teilweise selbst sehr schmerzlich erfahren, dass eine Integration auf Dauer in Israel nur möglich sein würde, wenn es ihnen gelänge, Neuhebräisch (Iwrith) richtig zu sprechen und zu lesen. Die deutschen Pioniere, die wegen der weitgehenden Assimilation (Anpassung an die christliche-deutsche Lebensart) ihrer Elternhäuser kaum mit dem Hebräischen in Berührung gekommen waren, taten sich oft sehr schwer mit der Sprache und zogen leicht den Spott der Mitstreiter aus Osteuropa auf sich, die Hebräisch meist schon in den jüdischen Schulen Osteuropas gelernt hatten. Die Juden in Deutschland aber, auch die eingewanderten, schickten ihre Kinder meistens auf öffentliche weiterführende Schulen, wo sie in der Regel kein Hebräisch lernen konnten. Viele der Anpassungsprobleme in Palästina, die speziell den deutschen Chalutzim nachgesagt wurden, dürften durch das Sprachproblem mitverursacht sein. Dies war 1926/27 bekannt, und so war es nicht verwunderlich, dass auf das Hebräischlernen im "Kibbutz Cheruth " ein so großes Gewicht gelegt wurde. Die Gruppe stellte sogar auf eigene Kosten Hebräisch-Lehrer ein (M. Brachmann; Dov Stok, später Sadan genannt).

Neben der schweren Arbeit war das Lernen sehr mühsam, und einige Chaverim hatten in der Anfangszeit in Givat Brenner wegen ihrer mangelhaften Sprachkenntnisse Probleme.

Die Schwierigkeiten des Iwrithlernens schilderte ihr Lehrer Dov Stok: " Abends kamen die Chawerim der Haschschara im Hause des Bauern Heinrich Meyer zusammen und lasen Buchstabe für Buchstabe mit großer Anstrengung etwas Iwrith. Die Augen waren müde nach schwerer Arbeit und grober Kost, in Erwartung der Nachtruhe auf dem Strohsack oder im Stall. Da pflegte die Hauswirtin, eine umfangreiche Witwe, deren Niesen die Luft des Zimmers erschütterte, staunend den Kopf zu schütteln und zu fragen: 'Was haben sie eigentlich die Quälerei nötig?'" (In: Cheruth-Sammelschrift, Berlin 1937, S. 21).

All diese Mühsal sollte dem großen Ziel "Erez Israel" gelten. Dieses Land der Vorfahren war Utopie und Realität zugleich. Utopie insofern, als auf dem Gebiet bis zum Jordan (also einschließlich des heutigen Westjordanlandes, das traditionell Judäa und Samaria heißt) erst wenige jüdischen Siedlungen gegründet waren; hauptsächlich lebten Araber in dieser Region.

Dies musste die erste Teilgruppe des "Kibbutz Cheruth", die um die Jahreswende 1928/29 nach Palästina ging, sogleich erfahren, als 1929 größere arabische Unruhen ausbrachen, die sich gegen die jüdischen Siedlungsaktivitäten, aber auch gegen die 'alteingesessene' jüdische Gemeinde in Hebron richteten.

In den Jahren 1926-1928, nach der Krise in großen Teilen der jüdischen Gemeinden Palästinas, war ein jüdisches Groß-Israel für alle realistisch und nüchtern denkenden Menschen bestenfalls eine Utopie. Nur einige "Grüppchen Besessener" (Alfred van der Walde, ein schon 1930 verstorbener Cheruth-Führer) sahen das anders.

Deshalb schüttelten nicht nur die deutschen Bauern über die jungen Juden, die bei ihnen arbeiteten, den Kopf. "Dieses Kopfschütteln begleitete 'Cheruth' ständig. Eltern, Bekannte, jeder vernünftige normale Mensch schüttelte den Kopf. Es gab naturgemäß auch verschiedene Erklärungen. Jugendnarreteien, Kapricen aus Wohl sein, Idealismus. "

Aber ausschließlich aus reinem Idealismus oder für eine Utopie hätten diese jüdischen Jugendlichen die ungewohnte Plackerei und die primitiven Bedingungen auf den Höfen wohl nicht durchgehalten. Es gab für sie auch eine Realität, eine realistische Perspektive. Dies waren die bereits existierenden jüdischen Siedlungen, insbesondere Ein Charod, in denen schon einige deutsche Chalutzim aus dem "Brith Haolim " bzw. "JJWB" ( lebten, arbeiten und von ihren Aufbauarbeiten berichteten, wenn sie zu Besuch nach Deutschland kamen. Dann wussten die jungen "Cheruth"-Genossen ganz konkret, wofür sie sich abrackerten.

"Ich wollte mich verwirklichen" - so oder ähnlich dachten die Chawerim, warum sie diese ungewohnten Strapazen auf sich genommen haben. "Verwirklichen" war damals in diesen Kreisen ein häufig benutztes Wort. Es meinte zwar auch die Kulturarbeit mit Lesen, Vorträgen und Diskussionen in irgendeiner Scheune, einem Gasthof oder einer Küche, es hieß auch mühsames Hebräischlernen unter eigentlich unmöglichen Bedingungen; es hieß aber zuallererst: fähig zu werden, harte körperliche Landarbeit als Dauertätigkeit auszuüben. Denn dies war eine unverzichtbare Voraussetzung für die "Eroberung des Bodens" (Gordon) in Palästina, wo der durch die Zionistische Organisation gekaufte Boden zumeist vertrocknetes oder, schlimmer noch wegen der Malaria, versumpftes Ödland war ."Verwirklichung" hieß, dieses Land mit den eigenen Händen zu Ackerland zu machen, das dann zugleich zu einem jüdischen Territorium und einer jüdischen "Heimstätte" wurde. So wollten sie zu einer jüdischen Normalität gelangen, die frei sein sollte von Vorurteilen, Orientierungslosigkeit und Diskriminierungen aller Art. Dafür erschien den jungen Leuten von "Cheruth" damals der Preis nicht zu hoch.

Die Arbeit bei den Bauern wird rückblickend von den Chaverim (Genossen) als hart, aber nicht zu hart angesehen. Die Jungen arbeiteten oft als Pferdeknechte (und schliefen dabei im Pferdestall); die Mädchen mussten auf den Feldern und im Garten arbeiten und melken.

Viele sind jedoch auch abgesprungen, weil sie es nicht mehr aushielten, entweder schon in Hameln oder später in Palästi- na/Israel.  So schreibt ein Mitglied im Mai 1928 in Aerzen in sein "Hamelner Tagebuch" :

"Ich arbeite in der Landwirtschaft. Das war ein tiefer Einschnitt in meinem Leben. Die Idee hat mich dazu gebracht, hat mir diesen Willen eingegeben. Ich habe den natürlichen Lauf meines Lebens unterbrochen. Ich spüre den Riss. Ich spüre die Leere. (...) Ich muss mich erst in diesem vollkommen anderen Leben zurechtfinden"(in: Haboneh, Berlin 1938, S.26).

Etwas später schreibt er: "An der Arbeit braucht man und wird man nicht verzweifeln. Bei der Arbeit ist man mit sich allein. Aber schwer ist es, die Beleidigungen: Du Bengel, Du Schwachhans, zu ertragen. Bei der kleinsten Kleinigkeit wird man so tituliert" (a.a.O., S. 27 t).

Diese Tagebuchnotizen, es gibt aus Briefen von anderen Genossen ähnliche Andeutungen, verweisen doch ein wenig auf die Kehrseite der Romantik. Im allgemeinen wurden die Arbeitsbedingungen als hart, aber weitgehend frei von Schikanen bezeichnet. Auch die Bauern hatten ein Interesse an den jüdischen Jungen und Mädchen. Abraham Jaari brachte die Gründe treffend auf die Formel: "Erstens waren wir willig; zweitens waren wir billig."

Erst Anfang der 30er Jahre scheint sich das Verhältnis zwischen den "Cheruth"- Nachfolgern und den Bauern teilweise verschlechtert zu haben. Wie aus einem Briefwechsel unter den verantwortlichen Leitern hervorgeht, lag das an beiden Seiten. Die Nachfolger waren wohl nicht mehr ganz so disziplinierte Arbeiter; außerdem hatten die Bauern wegen der Wirtschaftskrise ein größeres Angebot an billigen Arbeitskräften und schienen auch mehr vom zunehmenden Antisemitismus beeinflusst worden zu sein. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass kein Mitglied des "Kibbutz Cheruth " von antisemitischen Ausfällen der Bauern berichtet hat. Was heute selbstverständlich sein sollte, verdient für die damalige Zeit vielleicht doch hervorgehoben zu werden; vor allem, wenn man das unmittelbar folgende schnelle Aufkommen des Nationalsozialismus auch in Hameln und Umgebung mitbedenkt.

Neben der Arbeit war das Gruppenleben ein prägendes Element schließlich verstand sich die Gruppe ja als "Kibbutz", d.h. als eine Vereinigung ohne Statusunterschiede. Dazu gehörte vor allem die oft erwähnte gemeinsame Kasse, in die jeder seinen Lohn zahlte. Das Geld wurde zur Finanzierung der Gemeinschaftsausgaben verwendet (z.B. zur Bezahlung des Hebräischlehrers, für Bücherkauf, Abrechnung von Reisekosten etc.), und jedes Mitglied erhielt für seine persönlichen Bedürfnisse ein Taschengeld. Dieses Prinzip gilt bis heute noch in allen Kibbutzim: Es gibt kein persönlich ausgezahltes Gehalt, sondern nur ein kleines privates Budget fur persönliche Belange.

Auf diese "Kibbutz"-Errungenschaft waren die "Cheruth "-Mitglieder damals mächtig stolz, und sie erregten damit auch einiges Aufsehen unter den anderen Pionier-Gruppen. Es gab aber auch Meinungsverschiedenheiten darüber, was denn nun aus der gemeinsamen Kasse zu bezahlen sei. So schreibt ein Mitglied 1928 in sein Tagebuch: "Im Kibbutz herrscht immer noch der Kobold Kleinlichkeit genau wie überall. Man streitet darüber, ob irgendwelche 20 Pfennige vom Taschengeld oder von der Gemeinschaftskasse bestritten werden sollen. Man weiß, glaube ich, noch immer nicht, was es bedeutet, im Angesicht der Idee zu leben."

Ein anderes Problem war hingegen gravierender: Insbesondere die geistig und intellektuell besonders entwickelten und sensiblen Mitglieder schienen Angst zu haben vor einem Abstumpfungseffekt der einfachen Arbeit, wenn sie diese auf Dauer ausführen müssten; "Verbauern" nannte ein alter Kibbutznik diesen Prozess. Auch im "Kibbutz Cheruth" gab es bei einigen Leuten das Problem. Es verlangte große Anstrengung und Selbstüberwindung von jedem. Es scheint deshalb nicht abwegig zu vermuten, dass diese Belastung für einige zu viel war. So starben vor allen viele Führer "der ersten Stunde" den frühen Tod in Palästina beim Aufbau des Kibbutz Givat Brenner.

Der Kibbutz "Givat Brenner" in Israel

Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist der Kibbutz "Givat Brenner" einer der größten in Israel. Er hat ca. 1800 Bewohner und eine landwirtschaftliche Nutzfläche von ca. 600 Hektar. Außerdem gibt es dort eine Fabrik für Fruchtsäfte und Lebensmittelkonserven, des weiteren eine für Installations- und Bewässerungsbedarf und Möbelherstellung.

 
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