Autostadt Hameln

Werbeplakat
Büro-Mannschaft des Selve-Werkes, um 1920
Sperber
Die drei Hamelner Automobilfirmen, wobei Burkhart die Karossen herstellte

Kaum noch bekannt scheint in Hameln die Tatsache zu sein, dass auf den Straßen in Deutschland und selbst in Übersee Kraftwagen rollten, die aus Fabrikationsräumen an der Ohsener Straße stammten. Ja, Hameln sollte sogar die Stadt des Volkswagens werden. Auch versuchte man hier, durch Verwertung einer Erfindung den Kraftstoffverbrauch für Autos ganz erheblich zu reduzieren und damit die Abhängigkeit vom ausländischen Öl einzuschränken. Im Oktober 1907 kam von Eisenach der Fabrikant Hans Hartmann nach Hameln; wenige Monate später konnte er an der Ohsener Straße 126 die von dem Baugeschäft Hinrichs errichteten "Norddeutschen Automobilwerke GmbH" eröffnen (durch den ein Jahr zuvor vollendeten Hochwasserschutzdamm war im Süden Hamelns ein neues Gebiet für Industrieansiedlungen erschlossen worden). Die Aufnahme des Automobilbaues in Hameln fand in der Ausgabe der "Hamelnschen Anzeigen" vom 13.3.1908 folgende Kommentierung: "Hameln steht im Zeichen des Automobilismus und zwar der Automobil-Industrie, die ihre Pforten in unserer Stadt jetzt geöffnet hat. Dieser neueste und bedeutendste Industriezweig dürfte berufen sein, sich noch ganz bedeutend zu entwickeln und wollen wir erfreut sein, dass auch wir ihm eine Betätigungsstätte geboten haben."

Für den 18.März hatte der Hamelner Technische Verein zu einer Vortragsveranstaltung im Meyer'schen Lokal "Unter den Linden" am Münsterkirchhof mit einem Redner aus Berlin über "Entstehung, Entwicklung und wirtschaftliche Bedeutung des Automobils" eingeladen. Das Interesse von Vereinsmitgliedern war jedoch nur sehr schwach, "auch Freunde waren sehr wenig erschienen."

An der Ohsener Straße wurden unter der Fabrikmarke "NAW" die Kleinwagen "Sperber" und "Kolibri" hergestellt. 1914 betrug die Beschäftigungszahl etwa 500; die Jahresproduktion belief sich auf ca. 800 Autos, die sogar bis nach Indien und Australien exportiert wurden. "Sperber -- Sieger in vielen in- und ausländischen Zuverlässigkeits-Konkurrenzen -- zuverlässig -- schnell -- dauerhaft": mit solchen Anzeigen warben die Hamelner NAW für ihre Kraftwagen. Mit dem Jahre 1915 musste die Autoproduktion eingestellt werden -- Granaten standen von nun ab auf dem Fabrikationsprogramm. Zwei Jahre später übernahm der westfälische Großindustrielle Walter v. Selve das Hamelner Werk. Selve, der sich selbst als Autorennfahrer betätigte, nahm nach dem Ende des 1. Weltkrieges die Herstellung von Kraftwagen in den Räumen an der Ohsener Straße wieder auf. Der technische Direktor Ernst Lehmann entwickelte nun den Selve-Kraftwagen, der als erstes Fahrzeug serienmäßig den Leichtmetallkolben aufwies. 1921 erfolgte die erste Auslieferung des von Lehmann konstruierten Autos. Vom Preis her gesehen war dieser Wagen nicht ganz billig. In Hannover fanden die Hamelner Autos Verwendung als Taxis.

"In der letzten Zeit haben die hiesigen Selve-Automobil-Werke (die "Norddeutschen Automobilwerke" waren inzwischen in "Selve-Automobil-Werke" umbenannt worden) wiederum schöne Erfolge mit den von ihnen hergestellten Kraftwagen errungen", berichtete die hiesige Presse im Februar 1921 und ließ über die Fahrt eines Selve-Wagens von Hameln nach Frankfurt einen Fahrtteilnehmer folgendes schreiben: "Über die Fahrt des 6/24 PS Selve-Wagens von Hameln nach Frankfurt möchte ich nicht viele Worte machen. Nachstehende Zahlen sprechen für sich selbst. Durchschnittsgeschwindigkeit 40 km/h, 60/70 km/h Geschwindigkeit auf schlechten Straßen. 80 km/h auf kurzer Strecke bei günstigen Wegeverhältnissen ohne Gegenwind; Steigfähigkeit hervorragend. Wo wir hinkommen, erregt der Wagen Aufsehen. Jeder, dem der Wagen vorgefahren wird, und sei er selbst noch so voreingenommen, ist entzückt. Ich selbst wusste, als ich hörte, dass der alte Metallurgique-Konstrukteur der Erbauer des Wagens sei, dass der Selve-Wagen gut sei. Nachdem ich aber den Wagen über 400 Kilometer gefahren habe, kann ich nur soviel sagen, die Werke haben sich selbst übertroffen. Einigen Sportfreunden und den alten Rennfahrern habe ich den Wagen sofort in Frankfurt vorgeführt. Sie sind sich mit mir im Urteil vollkommen einig."

Die Wirtschaftskrise von 1929/30 ging auch an dem Hamelner Automobilwerk nicht vorüber: Walter v. Selve gab das hiesige Unternehmen auf. Ca. 750 Arbeitnehmer verloren damit Ihren Arbeitsplatz.

Gegen Ende des Jahres 1931 teilte das "Mederer-Institut R.Mederer für Kosmotechnik und Volkswirtschaft", Sitz Berlin, dem Magistrat der Stadt Hameln seine Absicht mit, die Selve-Werke nach Vereinbarung mit dem Inhaber v. Selve wieder in Betrieb zu nehmen; 500 Arbeitslose könnten dann wieder eingestellt werden; allerdings müsse die Stadt eine finanzielle Unterstützung für die Wiederinbetriebnahme gewähren.

Dieses Institut hatte das "Universal-Kraftsystem Mederer" entwickelt; automatische Druckregler sollten Verwendung finden bei der Fabrikation beispielsweise von Kompressoren, Kühlschränken, Dampfmotoren, Lokomotiven, Flugzeug- und Automotoren, Traktoren und Dampfaggregaten für Flugzeuge und Luftschiffe. Für Hameln war zunächst die Herstellung sog. Kühlkisten in Großserien sowie der Bau von Land- und Luftfahrzeugen in Betracht gezogen.

In der Sitzung vom 4. 1.1932 lehnte es der Magistrat "aus grundsätzlichen Erwägungen" ab, die vom Mederer-Institut ins Gespräch gebrachten 500.000 RM als Darlehen zu bewilligen. "Der Magistrat ist jedoch, so sehr er die Inbetriebnahme des früheren Selve-Werkes für industrielle Zwecke begrüßen würde," nicht in der Lage, die Pläne des Instituts direkt oder indirekt zu fördern. Lediglich über "steuerliche Erleichterungen für eine gewisse Zeit" könnten Verhandlungen geführt werden.

In der Zwischenzeit ließ der Inhaber des Mederer-Instituts den Selve-Werken Hameln mitteilen, "die Fabrikation meines neuen Auto- und Flugmotors wird die Fa. Mercedes-Benz übernehmen, wenn nicht eine baldige Fabrikationsmöglichkeit in Hameln geschaffen wird. Die Fabrikation der Kühlkisten müsste jetzt auch in Berlin begonnen werden, falls in Hameln keine Vereinbarungen zustande kommen." In einem Schreiben vom 16. April 1932 an Direktor Lohmann wies der Magistrat noch einmal auf die bereits früher vorgebrachten Gründe gegen die Subventionierung wirtschaftlicher Privatbetriebe hin. Der Vermerk " vorläufig weglegen" in der Akte des Magistrats vom Juli 1932 bedeutete zunächst den Schlußstrich in dieser Angelegenheit.

1934 bereits ist die "Dawag-Deutsche Automobilwerke AG" an die Stelle der Selve-Automobilwerke AG getreten. Anlässlich der Automobilausstellung in Berlin im März 1934 war von damaligen Reichskanzler der Bau des Volkswagens gefordert worden. Zur Finanzierung des Projektes wurde die Volkswagen-Arbeitsgemeinschaft gebildet, die nach Angaben des Direktors der Dawag in Hameln, Mederer, dem Hamelner Unternehmen 1 Million RM zur Verfügung zu stellen hatte. Zunächst sollten 1000 Wagen gebaut, das erste Stück dem Reichskanzler vorgeführt werden. Mit Schreiben vom 17.5. 1934 teilte Mederer der Stadt Hameln mit, "....dass wir den deutschen Volkswagen, wie ihn der Führer wünscht, herausbringen werden. Der Wagen erhält unseren Reaktionsmotor, ohne welchen der Volkswagen nicht denkbar ist. Die erste Serie von 5000 Stück wird 2.300,- Mk. kosten, jedoch als normal gängiges Chassis und bequemer Fünfsitzer. Die zweite Serie soll auf den Preis von Mk. 1.400,- gebracht werden. Wir sind trotz der für uns sehr schwierigen Verhältnisse, wegen der z.Zt. erfolgten Stillegung des Werkes doch jetzt mit eigener Kraft soweit gekommen, dass der Reaktionsmotor fertiggestellt ist und Ende des Monats durch die vereidigten Sachverständigen amtlich abgenommen werden wird. Die Veröffentlichung dieser umwälzenden Erfindung erfolgt dann in der großen Tages- und Weltpresse. ...Durch die Reichskanzlei haben wir bereits die Einladung erhalten, den ersten Volkswagen dem Führer vorzuführen. ...Wir haben Einladungen der maßgebenden Minister von Italien, Frankreich, England, Russland, Japan, Schweiz zu wirtschaftlichen Verhandlungen mit der in Frage kommenden Industrie ihrer Länder erhalten, wollen aber zunächst die heimische Industrie berücksichtigen."

Um was geht es nun bei dem von Mederer entwickelten Reaktionsmotor? Unter der Überschrift "Der Reaktionsmotor erfunden! Dieser gewaltige technische Fortschritt bringt Millionen Ersparnis an Brennstoffverbrauch!" gibt eine Abhandlung hierüber aufschluß: " Wissenschaftliche Messungen an Explosions- und Verbrennungsmaschinen haben ergeben, dass deren thermischer Wirkungsgrad außerordentlich schlecht ist. Nur ca. 35 Prozent der eingeführten Wärmemenge werden in Arbeit umgewandelt, während 15 Prozent im Kühlwasser, Öl oder durch die Luftkühlung verloren gehen und ca. 50 Prozent im Auspuffgas abwandern. Dies ergibt einen Gesamtverlust von 65 Prozent.

Seit der Erfindung des schnelllaufenden Motors durch Daimler und Benz, versuchen die Motorenkonstrukteure den thermischen Wirkungsgrad, also die Wirtschaftlichkeit der Explosionsmotoren zu verbessern, jedoch ohne wesentliche Erfolge.

...Das Problem der besten Wirtschaftlichkeit, d.h. die Erzielung eines überhaupt nur erreichbaren thermischen Wirkungsgrades, darf nunmehr durch die Erfindung des Reaktionsmotors als gelöst betrachtet werden. In 7-jähriger Pionierarbeit ist es dem Erfinder gelungen, das außerordentlich schwierige Problem, an welchem bisher von vielen Wissenschaftlern und Technikern vergebens gearbeitet worden ist, erstmalig zu lösen und praktisch zu verwirklichen. Man kann sagen, daß seit den Taten von Daimler, Benz und Diesel eine neue Aera für den Bau von Wärmekraftmaschinen angebrochen ist. ...Der Reaktionsmotor ist der Motor für den deutschen Volkswagen, weil er den Bau kleiner Maschinen mit großem Nutzeffekt gestattet, großes Anzugsmoment und Erschütterungsfreiheit ergibt, vor allem aber eine 1,5 fache Kraftleistung mit dem gleichen Brennstoffverbrauch wie bisher gewährleistet. ... Zum Schluss soll noch darauf hingewiesen werden, von welch einschneidender Bedeutung diese gewaltige Erfindung für unsere Volkswirtschaft ist.

Da Bankinstitute das Unternehmen Mederers mit Krediten nicht unterstützen wollten, war die bereits erwähnte Deutsche Volkswagen-Arbeitsgemeinschaft gebildet worden, die Auftraggeberin und das Finanzinstitut der Dawag sein sollte. Nach Angaben von Direktor Mederer plante die Arbeitsgemeinschaft einen ersten Auftrag auf eine Serie von nunmehr 10.000 Volkswagen zum Stückpreis von Mk 1.600,-, was einer Summe von 16 Millionen Mk entspricht. Dieses Kapital war sukzessive durch die Arbeitsgemeinschaft durch Beteiligung der Käufer selbst an der Herstellung zu beschaffen. Die Käufer sollten ein Drittel des Gewinnes aus dieser ersten Serie erhalten, die Arbeiter ebenfalls ein Drittel, der Rest dem Werk für Neuanlagen verbleiben. "Die Arbeitsgemeinschaft schafft also die Produktionskredite ohne Banken. Der Verkauf der Wagen erfolgt durch eine besondere, von der Arbeitsgemeinschaft dazu konzessionierte Verkaufsgesellschaft, die ihrerseits sämtliche Verkaufserlöse abzüglich der Unkosten an die Arbeitsgemeinschaft abzuführen hat. Diese Methode der Beschaffung von Produktionskrediten ohne die dazu viel zu schwerfälligen Banken erfolgt, wie man sieht, nach den Grundsätzen der Firma Ford in Amerika.

Die Kreditbeschaffung war für die Dawag nach wie vor ein sehr ernstes Problem. Noch im Juni klagte Mederer: "Da es uns nicht gelungen ist, unsere hiesigen Banken für die große weItwirtschaftspolitische Bedeutung der Erfindung (des Reaktionsmotors) zu interessieren und entsprechende Produktionskredite, wenn auch in beschränktem Maße, zu erhalten, so mussten wir die Erfindung unter den schwierigsten Verhältnissen fertig stellen, da bekannt ist, dass unser Werk seit dem Jahr 29 still liegt." Doch: "Wir haben jetzt unsere gesamten Versuchsarbeiten abgeschlossen und gedenken die amtliche Abnahme der Maschine in den nächsten 14 Tagen durch den vereidigten Beamten vornehmen zu lassen. Alsdann erfolgt die Veröffentlichung durch Herrn Dr. Ing. h. c. Horch."

Das Vorhaben Mederers wurde indes nicht realisiert, die Schwierigkeiten waren zu groß: Schon sieben Monate später hatten die Hamelner Automobilwerke AG" Konkurs angemeldet.

 

Seit 2007 gibt es auf dem Hefehof ein Museum der Automobilgeschichte in Hameln.

 

 

 
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